Predigt zu Psalm 103,2 – Goldenes Konfirmationsjubiläum


1. Szene – Das irritierende Moment
Es ist merkwürdig, wenn plötzlich all das wieder vor einem steht, was längst vergangen schien.
Die Kirche. Die Bankreihen. Die vertrauten Farben. Die Orgel, die leise klingt.
Die Gerüche – eine Mischung aus Holz, Kerzenrauch und alten Büchern.
Und die Gesichter. Älter zwar, aber doch vertraut, den die meisten sind der Region verbunden geblieben.

So vieles ist noch da. Und doch ist alles anders.
Vielleicht fühlt es sich an wie ein Heimkommen nach langer Zeit – vertraut, aber doch ein wenig fremd.
Wie ein Lied, das früher im Radio lief und das einen plötzlich wieder mitten ins Herz trifft.
Fünfzig Jahre ist es nun her, seit Sie hier standen – in feiner Kleidung, mit einem Spruch auf den Lippen und vielleicht ein bisschen Lampenfieber im Bauch.
Damals, bei Pfarrer Klaus.

Es war eine andere Zeit – auch was den Konfirmandenunterricht anging.
Strukturiert war er. Und klar.
Manches würde man heute „Frontalunterricht“ nennen.
Es wurde viel auswendig gelernt: Bibelverse, Liedstrophen, Vaterunser, Glaubensbekenntnis und vielleicht auch Teile von Luthers Kleinem Katechismus?

Und erstaunlich: Vieles davon ist noch da. Vielleicht können Sie heute noch mitsummen oder mitsprechen:
„Jesu geh voran…“ Z.B. oder „Lobe den Herrn“
– Lieder, die Generationen begleitet haben.

2. Szene – Das Zeitgeschehen im Vergleich: Was trug damals?
Vor fünfzig Jahren war das Leben hier am Fuße des Vogelsbergs noch anders:
Angersbach war überschaubar, man kannte sich. Die Nachbarschaft war enger.
Man half sich beim Hausbau.
Die Arbeit war oft körperlich, aber sie gab Struktur.
Man lebte mit den Jahreszeiten, mit dem Rhythmus der Natur.
Die stattliche Dorfkirche war ein Ort, an dem man sich sammelte – zu Weihnachten, zur Konfirmation, bei Hochzeiten und Beerdigungen.
Damals war es üblich, dass am Ende der Konfirmandenzeit ein Prüfungsgottesdienst stand.
Man musste zeigen, was man gelernt hatte.

Und heute?

3. Szene – Was trägt uns heute?
Heute erleben Jugendliche ihre Konfirmandenzeit anders.
Im Konfirmandenunterricht geht es nicht mehr nur um Wissen, sondern auch um Fragen:
Was bin ich wert?
Worauf kann ich vertrauen?
Wie finde ich meinen Weg in einer unübersichtlichen Welt?
Freundschaft, Familie, digitale Medien – all das spielt eine Rolle.
Und am Ende steht kein Prüfungsgottesdienst, sondern ein Vorstellungsgottesdienst: ein Fest des Glaubens, mit Liedern, Texten und eigenen Gedanken.

Offen. Persönlich. Ehrlich.

Auch Angersbach hat sich verändert.
Die Gemeinschaft ist an vielen Stellen nicht mehr selbstverständlich.
Manches ist gewachsen, anderes verloren gegangen.
Und doch bleibt die Frage: Was trägt – damals wie heute?

4. Szene – Die existentielle Spannung
Was ist geblieben von damals?
Was hat getragen – und was hat sich verloren?
Vielleicht spüren Sie es: Nicht alles war einfach.
Es gab Brüche, Abschiede, schwierige Entscheidungen.
Aber auch Freude, Liebe, Weggemeinschaft.
Und doch sind Sie hier.
Weil etwas Sie getragen hat – auch wenn es Ihnen manchmal gar nicht bewusst war.

5. Szene – Die Wendung: Das Psalmenwort
Und dann spricht einer – wie damals, mitten ins Leben:
„Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Kein Befehl. Kein Muss.
Eine Erinnerung. Eine Einladung an das eigene Herz.
Schau zurück – und vergiss das Gute nicht.
Die Menschen, die da waren.
Die Kraft, die gereicht hat.
Die Liebe, die du erfahren hast – manchmal auch durch kleine Gesten, einen Blick, ein Wort.
Vielleicht sogar in dunklen Zeiten.
„Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

6. Szene – Die Auslegung in der Gegenwart
Heute leben wir in einer Zeit, in der vieles zerbricht.
Da tut es gut, sich zu erinnern:
Was hat getragen, als Sicherheiten wegbrachen?
Was gibt mir heute Halt – im Alltag, im Alter, in der Unruhe der Welt?
Vielleicht ist Gott selbst dieser Halt.
Nicht sichtbar. Nicht laut.
Aber spürbar, wenn man ihn nicht vergisst.

Der Glaube ist kein Stillstand. Er verändert sich.
Aber das Vertrauen bleibt: Gott ist da – damals, heute, morgen.

7. Szene – Der Zuspruch: Heilende Erinnerung und Zukunftshoffnung
Sie sind heute hier – mit allem, was war und allem, was kommt.
Mit Lebenserfahrung, mit Fragen, mit Hoffnung.
Dieser Tag ist mehr als ein Erinnerungsfest.
Er ist ein Geschenk.
Ein Moment, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich berühren.
Der Segen von damals gilt noch.
Er begleitet Sie – leise, aber treu.
Er stärkt Sie für das, was noch vor Ihnen liegt.
Denn auch wenn sich vieles verändert – Gott bleibt.
Er ist der Grund unter unseren Füßen.

Darum dürfen wir, mit dem Psalm, auch heute sagen:
„Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Amen.

Pfarrer Michael Gütgemann, Wartenberg

 


 

Bitte klicken Sie>hier<zum herunterladen der Predigt als PDF-Datei.