Pfingstpredigt – Johannes 14,15–19.23b–27

Dramaturgisch gestaltet

 

1. Eröffnung – Nähe und Angst vor Verlassenwerden
Liebe Gemeinde,
es gibt Momente, in denen uns das Gefühl beschleicht, allein zu sein – ganz auf uns selbst gestellt. Vielleicht haben Sie das schon erlebt: wenn ein lieber Mensch stirbt, wenn eine Freundschaft zerbricht oder einfach in einer dunklen Stunde, in der niemand greifbar ist. Dann fragen wir uns: Wer bleibt bei mir?

 

2. Konflikt – Das Erleben der Jünger und unsere Erfahrungen von Verlassenheit
So ähnlich müssen sich auch die Jünger damals gefühlt haben.

Jesus spricht vom Abschied. Sie ahnen: Bald wird er nicht mehr da sein.

Der, der sie getragen hat, der ihnen Halt gab, verlässt sie. „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen“, sagt Jesus – ein großer Satz gegen das Alleinsein. Aber noch ist die Angst da. Und auch wir kennen sie, diese Angst vor dem Alleinsein.

Gerade in der Coronazeit war das spürbar.

Plötzlich waren Begegnungen verboten. Keine Treffen, keine Berührungen, kein Trost durch Nähe. Kinder mussten auf dem Schulhof Abstand halten, Spielplätze wurden mit Flatterband versperrt. Alte Menschen saßen einsam in ihren Zimmern.

Manche starben allein.

Diese Zeit hat sich eingeprägt – mit einer Wucht, die viele überrascht hat. Und sie hat etwas freigelegt: wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Wie sehr wir andere brauchen. Und wie bitter Einsamkeit schmeckt.

 

3. Vertiefung – Der biblische Zuspruch und der verborgene Tröster
Genau in solche Erfahrungen hinein spricht Jesus.

Nicht als weltferner Erlöser, sondern als einer, der unsere Not kennt. Und dann sagt er den entscheidenden Satz:
„Ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster geben, dass er bei
euch sei in Ewigkeit.“

„Der Tröster, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird
euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“

Jesus kündigt nicht an, dass alles wieder gut wird. Er verspricht keine Rückkehr in die gewohnte Sicherheit. Aber er verspricht eine neue Gegenwart: den Tröster.

Den „Parakleten“, wie es im Griechischen heißt. - Einen Beistand, einen inneren Begleiter. Nicht sichtbar, aber wirksam.

Der Heilige Geist wirkt nicht nur mit Feuerzungen und Sturmbrausen, wie in der Apostelgeschichte. Er wirkt auch leise. Still.

Wie ein Gedanke, der plötzlich Hoffnung bringt. Wie ein Wort, das sich im Herzen festsetzt.

Wie jemand, der sagt: Ich denk an dich. Ich bete für dich. Nicht spektakulär – aber heilend.

 

4. Pfingsten ist das Fest dieses Geistes.
Nicht nur vor zweitausend Jahren, sondern heute.

Nicht nur für die Starken, sondern gerade für die, die ohnmächtig geworden sind. Nicht nur für fromme Insider, sondern für alle, die nach Luft schnappen in einer engen Welt.

Darum trägt die Impulspost der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in diesem Jahr den Titel:
„Du bist nicht allein.“

Ein einfacher Satz – und zugleich ein tiefes Versprechen. Er steht für die Hoffnung, dass niemand übersehen wird. Dass keiner durch die Maschen fällt.
Dass auch in Momenten der Sprachlosigkeit, der Überforderung, des Alleinseins –

Gott da ist. In uns.
Zwischen uns.
Als Kraft, die verbindet.

Diese Botschaft gilt nicht nur für „die anderen“. Sie gilt uns selbst.

Vielleicht brauchen gerade wir sie heute:
Wenn wir müde geworden sind.
Wenn wir uns fragen, ob Glauben noch trägt.
Wenn uns die Welt zu laut, zu leer oder zu lieblos vorkommt.

Du bist nicht allein.
Das ist nicht nur eine schöne Idee.
Es ist die Zusage Gottes selbst – durch seinen Geist. 

 

5. Lösung – Vom Trost zur Bewegung
Dieser Geist will nicht nur trösten. Er will verbinden.

Er schafft Gemeinschaft, wo Menschen sich verloren fühlen. Das ist die eigentliche Pfingstbewegung: Was innen beginnt, drängt nach außen. Aus Trost wird Beziehung. Aus Erinnerung wird Gegenwart.

So entsteht Kirche – damals wie heute:
als ein Raum, in dem niemand allein bleiben muss. Als Gemeinschaft, in der man sich mittragen lässt. Als Ort, wo der Heilige Geist leise und kraftvoll wirkt.

Und manchmal – ja, manchmal wird diese Kirche auch ganz sichtbar, greifbar, spürbar.

Wie kürzlich beim Kirchentag in Hannover:
Da versammeln sich Zehntausende. Junge und Alte, Suchende und Glaubende.
Sie singen, beten, diskutieren – Kirche steht plötzlich im Licht der Öffentlichkeit.
Sie ist hörbar und sichtbar – eine Kirche, die bewegt.

Ein Abendsegen in der Innenstadt wird zum Lichtermeer. Da brennt etwas – nicht nur Kerzen, sondern Herzen.
Mutig. Stark. Beherzt.

So wirkt Pfingsten heute:
Der Geist führt Menschen zusammen, schenkt Mut zum Glauben, zum Reden, zum Handeln.
Nicht in sich gekehrt, sondern mit weitem Blick. Nicht leise und klein, sondern mit Klang und Kraft.
Nicht rückwärtsgewandt, sondern voller Hoffnung und Gegenwart.

 

6. Schluss – Einladung zur Pfingstfreude
Liebe Gemeinde,
Pfingsten ist mehr als ein Fest der Vergangenheit. Es ist das lebendige Jetzt Gottes. Jesus sagt:

„Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die
Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

Dieser Frieden ist kein Schlussstrich. Es ist ein Aufbruch. Der Geist ist unter uns. Er stärkt uns. Er tröstet uns. Er verbindet uns.

Und darum feiern wir heute:
Wir sind nicht allein. Amen.

 

Pfarrer Michael Gütgemann, Wartenberg

 


 

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