Predigt zum 2. Advent 2025 – Lukas 21,25–33

 

Wir sind heute am 2. Advent zusammengekommen, eine Zeit der Erwartung und des Aufbruchs.

Möge Gott uns nun die Kraft schenken, aufzurichten, was gebeugt ist, und Hoffnung zu üben, wo sie oft schwerfällt. Amen.

Das Kommen des Menschensohns
25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:
30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist.
31 So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.
32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.
33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.


Advent ist die Zeit der Erwartung, liebe Gemeinde.
Wir öffnen Türen – die am Adventskalender, aber auch die in uns.
Wir zünden Lichter an. Und wir spüren gleichzeitig, wie viel Dunkel sich breitgemacht hat –
draußen, und oft auch innen.
Wir müssen das heute nicht ausmalen.
Wir müssen keine langen Listen von Sorgen aufmachen. Wir alle sehen, wie die Welt schwankt.
Wir spüren, was Lukas meint, wenn er sagt: „die Menschen werden verzagen.“ Diese Erfahrung verbindet uns direkt mit denen, für die Lukas geschrieben hat. Und genau in dieses Bangen hinein spricht Jesus im Predigtabschnitt.
Er malt eine Welt, die ins Wanken kommt. Er erschreckt nicht – er beschreibt.
Er zeigt, was ist.
Aber dann tut er etwas Entscheidendes:
Er nimmt uns nicht in den Abgrund mit hinein, sondern er richtet uns auf.

Mitten in die Angst hinein sagt Jesus:
„Dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Ein Satz, der fast körperlich ist.
Ein Satz, der uns in Bewegung bringt. Denn Angst krümmt.
Angst macht eng.
Angst zieht den Blick nach unten. Angst nimmt den Atem.
Wir wissen wir das ist:
• Wenn die Nachrichten uns zuschnüren.
• Wenn Zukunftsfragen uns müde machen.
• Wenn persönliche Sorgen den Rücken belasten.
• Wenn die Welt so laut erscheint, dass wir uns am liebsten verkriechen würden.

Jesus weiß das.
Er kennt den menschlichen Reflex, sich kleiner zu machen als nötig.
Und deshalb beginnt Advent nicht mit romantischer Wärme, sondern mit der Aufforderung zur Haltung:
Erhebt euer Haupt.
Lasst euch nicht erdrücken.
Bleibt Menschen mit Würde.
Die Veränderung beginnt nicht in der Welt.
Sie beginnt in uns.

Die Theologin Dorothee Sölle hat dafür einen Satz geprägt:
„Wir müssen uns den Luxus der Hoffnungslosigkeit verweigern.“
Hoffnungslosigkeit ist ein Luxus, sagt sie.
Ein Luxus, den sich diejenigen leisten, die sich von der Welt abgewandt haben, oder von ihr nichts mehr erwarten – oder nichts mehr für sie tun wollen.
Hoffnungslosigkeit ist bequem.
Man muss nichts tun, nichts wagen, nichts riskieren. Man kann sich einrichten in der Haltung:
„Es ist eben so. Es wird ja doch nichts besser.“

Aber Jesus lädt uns zu etwas ganz anderem ein:
zu einer Haltung aktiven Vertrauens.
Nicht naiv. Nicht blind.
Sondern wach:
Ich sehe die Welt, wie sie ist – und richte mich trotzdem auf.

Das ist Widerstand.
Spiritueller Widerstand.
Politischer Widerstand.
Seelischer Widerstand.
Adventlicher Widerstand.

Fulbert Steffensky hat das so klar und wohltuend formuliert:
„Hoffnung ist nicht der Glaube an einen prinzipiell guten Ausgang, sondern die Gewissheit, dass es sinnvoll ist, für den guten Ausgang zu arbeiten.“
Und er sagt weiter:
„Vielleicht heißt Hoffnung gar nicht der Glaube an den guten Ausgang der Welt, aber wir könnten tun, als hofften wir. Hoffen lernt man dadurch, dass man handelt, als sei Rettung möglich.“

Das klingt nach Zumutung – ist aber ein Trost.
Es heißt:
Ich muss nicht alles glauben. Ich muss nicht alles fühlen.
Ich muss nicht die große Hoffnung in mir tragen.
Ich darf klein anfangen.
Mit einem „als ob“.
Als ob ein Gespräch die Beziehung retten könnte.
Als ob ein Besuch Trost spenden könnte.
Als ob meine Stimme etwas bewegen könnte.
Als ob es nicht umsonst wäre, sich gegen Ungerechtigkeit zu stellen.

Hoffnung entsteht nicht zuerst im Herzen.
Sondern sie entsteht im Tun.
Im ersten Schritt aus der Erstarrung heraus.
Im Aufrichten des Körpers und des Herzens.

Advent sagt:
Fang an.
Steh auf.
Handle, als sei Rettung möglich.

Diese Worte Jesu sind nicht an alle gleich gerichtet.
Sie werden sehr unterschiedlich gehört.

Für die, die leiden – unter Krieg, unter Ungerechtigkeit, unter Armut, unter seelischer oder körperlicher Not – für sie ist das Wort vom Kommen Gottes Trost.
Für sie bedeutet es:
Gott sieht euch. Gott stärkt euren Rücken.
Gott richtet euch auf aus dem Gebeugtsein.
Für die Erniedrigten wird der Tag des Herrn zum Tag der Aufrichtung.

Aber für die, die andere erniedrigen…
für die, die ihre Macht missbrauchen…
für die, die die Welt ohne Rücksicht zerstören…
für die, die durch Ignoranz und Menschenverachtung Leid verursachen –
für sie ist diese Ankunft kein beruhigendes Bild.

Gottes Kommen ist gerechte Unterbrechung.
Ein Einspruch.
Ein Widerspruch.
Advent heißt:
Gott kommt – und er unterscheidet.
Er tröstet die einen und stellt die anderen zur Rede.

Darum ist Advent nicht harmonisch.
Sondern Advent ist heilsam.

Jesus erzählt vom Feigenbaum:
Wenn er ausschlägt,
wenn erste Knospen sichtbar werden,
dann wisst ihr:
Es kommt etwas.
Es wächst.
Es bricht Zukunft auf.

Der Feigenbaum ist kein spektakulärer Baum.
Aber er ist ein Überlebender.
Ein Stehaufbaum.
Er wächst an steinigen Hängen.
Er gibt nicht auf.

Ich möchte Ihnen dieses Bild mitgeben –
für den Weg durch den Advent und darüber hinaus:
Stellen Sie sich vor,
Sie gehen an einem kahlen Baum vorbei – am Weg, hinter Ihrem Haus.
Und Sie sehen:
Noch ist nichts zu sehen.
Noch ist Winter.
Noch ist Schweigen.
Noch ist Dunkelheit.
Aber Sie wissen:
Da sind Knospen.
Vielleicht winzig.
Vielleicht verborgen.
Aber sie sind da.

Es wächst Hoffnung, lange bevor man sie sieht.
Wenn Sie in den nächsten Tagen eine Nachricht hören, die Sie herunterzieht –
stellen Sie sich den Feigenbaum vor.
Wenn Sie sich gebückt fühlen –
stellen Sie sich die Knospe vor, die sich trotz Winter öffnet.

Der Feigenbaum ist das Adventssymbol:
Gottes Zukunft wächst – gegen alle Widerstände.
Und sie wächst auch in dir.

Liebe Gemeinde,
der 2. Advent ruft uns zu:
„Richtet euch auf und erhebt eure Häupter.“
Nicht, weil die Welt gut ist.
Nicht, weil alles gelingt.
Sondern weil Gott kommt.
Weil Christus uns den Rücken stärkt.
Weil Hoffnung ein Weg ist, den wir gehen – wir gehen ihn nicht allein.

Vielleicht können wir es so sagen:
Advent heißt, dass wir uns nicht niederdrücken lassen,
dass wir handeln, als sei Rettung möglich,
dass wir uns dem Luxus der Hoffnungslosigkeit verweigern
und dass wir dem zarten Wachsen Gottes vertrauen –
wie den Knospen des Feigenbaums.

Gott richtet uns auf.
Gott stärkt unseren Rücken.
Gott kommt uns entgegen.
Und wir – wir dürfen aufrecht gehen.
Mit erhobenem Haupt.
Mit Hoffnung im Tun.
Und mit der Gewissheit:
Die Erlösung ist nahe.
Amen.

 

Pfarrer Michael Gütgemann, Wartenberg

 


 

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