Predigt zum Einführungsgottesdienst des Pfarrerehepaars Gütgemann in Angersbach am 23. August 2020 – 11. Sonntag nach Trinitatis

 

Ansprache zum Lied „Meine Kirche“ EG+ 79

(Michael Gütgemann)

Als wir das erste Mal nach Wartenberg kamen, dachte ich, was für schöne Kirchen, liebe Gemeinde!

In Angersbach und Landenhausen ragen die Kirchtürme weit über die Dächer der Orte hinaus. Die Kirchen in Wartenberg und Rudlos sind Identifikationspunkte. Sie symbolisieren Heimat für die Menschen der Kommune, auch wenn sie einige sich eher distanziert zur kirchlichen Gemeinschaft vor Ort verhalten.

„Meine Frau muss immer den Kirchturm sehen“, sagte uns ein Kirchenmitglied auf die Frage, wo sie als Familie so Urlaub machen.

Wenn man unsere Kirchen in Rudlos, Angersbach und Landenhausen betritt, schwingt etwas mit von der aufregenden Entdeckung des Apostels Paulus;
dass man zu Gott gehört, weil man von ihm eingeladen und bei ihm willkommen ist. Nicht weil man alles richtig gemacht hat im Leben, sondern weil Gott uns ihm recht macht.

„Meine Kirche ist ein Haus mit offnen Türen,
sie hat ein Fundament, das ewig hält und trägt. In weiten Räumen ist ein Geist zu spüren,
der Liebe wagt, von Gott geprägt.“

So beginnt das neue Gesangbuchlied von Eugen Eckhardt, dass wir gleich vom Vokalenselbe hören werden. Kirche als Haus mit offenen Türen bedeutet für mich offen zu sein für Neues, für neue Begegnungen und Formen der Gemeinschaft, um die Kraft und die Fröhlichkeit des christlichen Glaubens zu entdecken.

Wenn es nach dem Apostel Paulus geht sind wir keine Meister der Heiligen Schriften, sondern helfen Menschen Freude und Fröhlichkeit zu finden. (2. Kor 1,24)

Vor den Ferien haben wir unsere neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden eingeladen ihre Kirche in Angersbach und Landenhausen zu erkunden.

Nach der Erkundung sollten Sie Zuhause ihre Kirche nachbauen. Dazu konnten Sie Material ihrer Wahl verwenden.

Einige tolle und spannende Entwürfe haben uns schon erreicht.

Aus Pappe, aus Holz, aus Lego und am Computer mit Minecraft sind Bilder von unseren Kirchen entstanden, so wie die Jugendlichen sie wahrnehmen.

Zwei haben wir heute stellvertretend mitgebracht.

Da ist eine Kirche aus Holz entstanden. Der filigrane Bau ist als Kirche gut zu erkennen.

Ein großer geschützter Raum mit viel Licht und Luft.

Wir können hineinsehen. Sehen, wer sich dort trifft. Was dort geschieht bleibt nicht im Verborgenen. Wer dort verweilt ist nicht aus der Welt. Er nimmt wahr, was um in geschieht. Eine Kirche in der Welt und nicht außerhalb der Welt.

Der zweite Entwurf stellt einen bunten Kirchenraum dar.

Kirche ist bunt und der Raum und die Menschen darin feiern das Leben.

Auf dem Altar stehen Blumen und die Pfarrerin, ist sommerlich bunt gekleidet.

Sie trägt Flipflops, T-Shirt und Shorts statt schwarze Halbschuhe, Talar oder Collarhemd.

Eine junge, bunte Kirche die Lebensfreude ausstrahlt. Das ist eine Vorstellung von Kirche, die mir gut gefällt.
Für unsere Zeit hier in Wartenberg wünsche ich mir eine Gemeinschaft, in der Mut und Fantasie gewollt sind, in der wir Neues wagen dürfen, weil wir damit doch eigentlich nur gewinnen können.

Und das andere Kirchenbild mit den transparenten Wänden gefällt mir auch gut, denn Gottes Nähe werden wir hier nur finden, wenn wir unseren Blick von hier aus in die Welt richten.

Auf diejenigen, die keiner will; gegen die sich Hassparolen richten und kein Ansehen genießen. Denn Gott ist in dem einen Menschen Jesus von Nazareth zu finden und in allen Schwestern und Brüdern, die erniedrigt und verachtet werden, wie er.

Nach jeder stärkenden Einkehr der Andacht in unseren Kirchen, müssen wir wieder weg, hinein in unseren Alltag. Auch und gerade dahin, wo Gott ganz weit weg scheint.

Doch ohne meine Kirche mit den offenen Türen und fröhlich glaubenden Menschen fehlt ein Raum, der die Ahnung und die Hoffnung atmet, dass da etwas ist, das nicht verschwindet im Werden und Vergehen der Zeiten.

Und selbst, wenn viele nicht mehr daran glauben können oder wollen, braucht es diesen Zwischenraum, der die Sehnsucht nach Hoffnung und die Erinnerung daran wachhält.

Das nun folgende Lied ist Ohrwurm verdächtig. Wenn wir es jetzt hören, entdecken wir hoffentlich etwas von unseren Erfahrungen mit „Kirche“ wieder:

Gesang …

1) Meine Kirche ist ein Haus mit offnen Türen, sie hat ein Fundament, das ewig hält und trägt. In weiten Räumen ist ein Geist zu spüren,
der Liebe wagt, von Gott geprägt.
Sie hat ein Dach, das vielen Obdach spendet, durch bunte Fenster strahlt Lebendigkeit,
an ihren Tischen manche Not sich wendet, sie schenkt stets neu Geborgenheit.

Ref.: Meine Kirche, jetzt und hier, meine Kirche lebt von dir und mir. Meine Kirche, jetzt und hier, meine Kirche lebt von dir und mir.

2) Meine Kirche ist ein Ort, um zu verweilen, sie lebt von Menschen voller Mut und Fantasie, sie lernen in ihr Brot und Wein zu teilen, Gemeinschaft nicht als Utopie.
In ihren Gärten dürfen Kinder spielen, und Lieder sprudeln hell aus jedem Saal.
Geschichte spricht aus Mauern, Büchern, Dielen, das Jetzt durch Segen allemal.

Ref.: Meine Kirche, jetzt und hier, meine Kirche lebt von dir und mir. Meine Kirche, jetzt und hier, meine Kirche lebt von dir und mir.

3) Meine Kirche ein Geschenk, verzückt erfunden, auf Jesu Spuren wirkt sie heilsam in der Welt.
Sie ist und bleibt an Gottes Wort gebunden, besteht, solang es Gott gefällt.
Sie mischt sich ein, um Leben zu bewahren, ringt mit um Frieden und Gerechtigkeit.
Sie weiß um Schuld, kann Fehler nicht ersparen und setzt doch auf Barmherzigkeit.

Ref.: Meine Kirche, jetzt und hier, meine Kirche lebt von dir und mir. Meine Kirche, jetzt und hier, meine Kirche lebt von dir und mir.

(Kerstin Gütgemann) Liebe Gemeinde,
„Meine Kirche jetzt und hier, meine Kirche lebt von dir und mir“. Das haben wir eben im Lied gehört.

Kirche, das sind wir alle. Und wir alle sind als Gemeinschaft unterwegs unter dem Kreuz, unterwegs mit Jesus durch Höhen und Tiefen. Unterwegs so unterschiedlich und vielfältig und bunt, wie wir alle sind.

Dazu habe ich ihnen heute ein Bild mitgebracht, dass das wunderbar zeigt. Das Foto stammt aus unserem Sommerurlaub, an einem geschichtlichen Lernort in Dithmarschen, hat es mein Mann fotografiert.

Gemeinschaft unter dem Kreuz unter schattenspenden Bäumen auf einer saftigen grünen Wiese. Wer fühlt sich da nicht an den Psalm 23 und den guten Hirten erinnert.

Dieses Bild fasst es wunderbar zusammen, was Kirche für mich ist. Wie ich mir meine Kirche erträume:
Leben in Gemeinschaft, verwurzelt in christlichen Werten. Leben in einer blühenden Natur, wo jeder genug hat und man gemeinsam unterwegs ist. Leben, wo Geborgenheit herrscht und man sich ohne große Worte versteht. Wo man Unstimmigkeiten geschwisterlich austragen kann.

So wünsche ich mir meine Kirche und so habe ich Kirche hier in Wartenberg und Rudlos auch erlebt. Ganz vielfältig und bunt, liebevoll und tatkräftig.

Gleich zu Beginn hat meinem Mann und mich begeistert mit was für einer Liebe hier ganz viel ehrenamtliches Engagement eingebracht wird.

Da wird nicht auf die Uhr geschaut. Da wird gerungen, abgewägt, da entstehen plötzlich tolle Ideen. Und manches was ich nie gedacht hätte wird plötzlich möglich.

Und Gemeinschaft, das sind wir alle. Das sind nicht nur die, die ganz vorne stehen.

Die Kirche lebt von uns allen von Kirchenmitgliedern, von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen. Kirche ist Gemeinschaft aller Gläubigen, wie Luther es gesagt hat.

Gemeinsam sind wir alle unterwegs, ob ganz klein oder groß, als Kind und Jugendlicher, oder als Erwachsener, als alter Mensch. Wir alle gehören zusammen unter dem Kreuz.

Unter dem Kreuz, dass für Jesus steht, der uns seine ganze Liebe geschenkt hat, damit wir uns selber lieben und die Liebe austeilen können an Glückliche und Traurige, an Hoffende und Bangende.

Den Kindern in der Schule habe ich mit ganz einfachen Worten gesagt: „Gott möchte, dass wir alle glücklich sind.“ Klar wir erleben auch, dass das nicht immer so ist, aber wir sind auf den Weg dahin.

Das auf dem Bild das Wort Gemeinschaft dreigeteilt ist, nicht ganz zusammenhängt, zeigt dabei mir nur wie realistisch diese Installation ist. Gemeinschaft ist nicht immer ganz fest und kann hier und da auch mal zerbrechen. Und im Augenblick habe ich ganz ehrlich gesagt etwas Angst um die Gemeinschaft in der Kirche, aber auch in der Gesellschaft.

In unseren beiden Gemeinden dürfen wir Gemeinschaft zurzeit nicht so leben, wie wir das eigentlich gewohnt sind. Gruppen und Kreise fallen aus, die Chöre dürfen nicht proben, die Konfirmation wurde erst verschoben und kann jetzt nur in einer kleineren Form stattfinden und auch im Gottesdienst fehlt der Gesang.

Das ist sehr bedauerlich, wenn auch zurzeit notwendig. Wie gerne würde ich nach dem Gottesdienst die Hand zum Abschied reichen oder hier und da eine mutmachende Umarmung spenden. Corona bringt uns auf Abstand.

Hoffentlich nur äußerlich. Im Alltag z. B. beim Einkaufen beobachte ich, wie jeder zum Einzelkämpfer wird. Da reagiert öfter der Ellenbogen als die Barmherzigkeit.

An uns allen liegt es gute Wege zu finden den äußerlichen Abstand gerade in dieser Zeit zu durchbrechen. Neue und andere Wege sind gefordert, neue Kreativität. Gott seis gedankt, gibt es das in unseren Gemeinden.

Die Kindergottesdienstkinder, die ein Mandala hier im Kirchgarten gelegt haben.

Die Kindergärtnerinnen, die den Kindern zu Ostern ihre Osterüberraschung an den Gartenzaun gehängt haben in Landenhausen oder auch die tolle Idee der Kindergottesdienstfrauen in Landenhausen Erntedank mal im Dorf anstatt in der Kirche zu feiern, Taufeltern, die das Beste aus der Situation machen und mit ganz viel Liebe das gestalten, was möglich ist.

Alles ganz tolle Ideen. Neue Wege werden beschritten in dieser für uns alle schwierigen Zeit. Vielleicht sind wir auch auf einen Weg, Gemeinschaft wieder mehr wertzuschätzen. Vielleicht uns auch wieder mehr an den kleinen Dingen zu erfreuen.

Jede Krise birgt immer auch Chancen in sich. Und wir als Christen wissen, dass schon viele Gläubige vor uns Krisen überstehen mussten und dies auch haben. Allein sind sie alle nicht gewesen. Gott ist immer mitgegangen. Manchmal spürbar und manchmal unsichtbar. Manche Türen sind vielleicht zugegangen, aber immer haben sich neue geöffnet.

„Die Kirche besteht, solange es Gott gefällt“, heißt es in dem eben gehörten Lied, und das tut sie schon so lange und wird es hoffentlich auch noch lange tun, auch wenn wir ängstlich auf sinkende Mitgliederzahlen und einen Rückgang der Finanzen schauen.

So möchte ich mit Luther schließen: „Wir sind es doch nicht, die da die Kirche erhalten könnten. Unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen. Unsere Nachkommen werden es auch nicht sein: sondern, der ist´s gewesen, ist´s noch und wird´s sein, der da sagt: Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ AMEN


Pfarrerehepaar Kerstin & Michael Gütgemann

 


 

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